VII – Siebter Strahl – St. Marienkirche, Berlin

19. November 2014 – ST. MARIENKIRCHE, Berlin

Ich habe mir gerade Karten für’s Weihnachtsoratorium im Berliner Dom gekauft und war auf dem Weg zurück zum Alexander Platz. Da fällt mir auf, dass die Kirche zu Füßen des Fernsehturms offen war. Ich wollte schon immer mal da rein, aber die war lange Zeit im Bauzaun.

Von aussen recht unscheinbar werde ich vom Inneren völlig überwältigt!
Was für eine wunderschöne Kirche! So hell, so weit, so warm. Weiße Säulen streben gen Himmel, sanftes Licht strahlt von den Kronleuchtern.

Völlig fasziniert gehe ich am Rand nach vorne und setze mich in eine der vorderen Reihen.
Die Orgel ist ebenfalls wunderschön.

IMG_0894Was mir auffällt ist, dass die Bänke hier eigenartig angeordnet sind.
Die eine Seite blickt wie üblich nach vorne zum Altar, aber die andere Seite läuft längs durchs Kirchenschiff und blickt damit auf die Bänke der anderen Seite. Seltsam, ich frage mich warum das wohl so ist. Ein Vorteil ist, man kann sowohl die Orgel, als auch den Altar und die Kanzel sehen.

Ich atme tief ein und tauche in die Energie der Kirche. Mal sehen wie es sich anfühlt mal mit einem anderen Blickwinkel in der Kirche zu sitzen.

Mein Blick fällt auf eine Frau, die direkt vor mir in den normal ausgerichteten Bänken sitzt. Versunken in ihrem eigenen Gespräch mit Gott, die Augen auf den Altar gerichtet.

Mir fällt ein Spruch ein, den ich vor einiger Zeit gelesen habe.

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Jeder Mensch, den du triffst
kämpft seinen eigenen Kampf.
Sei gütig.
Immer.

Und plötzlich weiß ich, was mein Thema dieser Kirche ist: MITGEFÜHL

Und plötzlich verstehe ich, warum es perfekt ist die Bänke so anzuordnen.

Wir sollen nicht nur in stiller Ehrfurcht zum Altar blicken, wir sollten einander anschauen, mit den Augen der Liebe und Mitgefühl haben für einander. Wir alle sind Verkörperungen Gottes, gelebter Glaube findet zwischenmenschlich statt. Der Blick, den man von den unorthodox angeordneten Bänken hat, schafft eine Verbindung. Die Menschen, die in die Kirche kommen, öffnen sich, lassen ihre Panzer des Alltags fallen. Das zu beobachten macht es uns leichter Mitgefühl zu empfinden.

Das Ego kann einem schon mal einen Strich durch die Rechnung machen, wenn wir unsere eigenen Befindlichkeiten mit einbringen, wenn wir Erwartungen haben, wenn wir etwas von unserem Gegenüber erwarten, dass er vielleicht einfach nur nicht zu geben in der Lage ist. Die friedliche Stille dieser Kirche kann einen da aber zurück bringen, zu dem was wirklich zählt und worauf es ankommt. Indem es die Hälfte dazu veranlasst sich die Mitmenschen anzuschauen, die offen ihren Kampf Gott erzählen. Mögen wir die Fähigkeit haben zu lauschen, zu verstehen und mit zu fühlen.

Ich schreibe noch etwas ins Buch, das neben dem Altar aufgeschlagen ist und Besuchern erlaubt ihre Gefühle oder Eindrücke zu teilen.

Beseelt verlasse ich die Kirche und finde draußen einen wunderbaren Spruch von Martin Luther King, der hier mal gepredigt hat:

IMG_0897Denn in Christus gibt es weder Ost noch West,
weder Nord noch Süd,
sondern eine einzige große Gemeinschaft der Liebe“

Für mich beschränkt sich das nicht auf eine bestimmte Religion, sondern ist etwas tief essentielles!

 

3 Kommentare zu „VII – Siebter Strahl – St. Marienkirche, Berlin“

  1. Liebe Marieke,
    mich verneigend und herzlich dankend für diese wunderschönen Gedanken zur Liebe, zum Mitgefühl, zum Menschsein, zur Religion, die die Liebe ist.
    Mag ich, mag ich ja so sehr: „gelebter Glaube findet zwischenmenschlich statt.“

    Bei den Maya sitzt man im Kreis, damit sich jeder ansehen kann.
    Menschlichkeit braucht und ermöglicht Verbundenheit.Verbundenheit braucht und ermöglicht Frieden.
    Mitgefühl, Güte, Großherzigkeit, Achtung, Wertschätzung – mit diesen Werten beanspruche ich mein Vermögen als Mensch.

    Diesen deinen Blick mag ich besonders:
    „wenn wir etwas von unserem Gegenüber erwarten, dass er vielleicht einfach nur nicht zu geben in der Lage ist…“

    Der besagt: Ich sehe, was in dir vor sich geht. Und ich sehe, was in mir vorgeht.
    Menschen aus ihrer engen Wahrnehmungswelt über das Mitgefühl entlassen. Sich selbst damit ja immer auch befreien, ist die Verbindung zum Nächsten papierdünn. Ich mag deine Art, auf das Leben zu reagieren. Die Stille. Innehalten für einen Moment. Spontan eine Kirche betreten. Deine Besuche der Kirchen transformierst du auf sehr schöne Weise zu einem Geschenk für deine Leser.
    Danke, du liebe Schenkende.

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